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Einteilung von Leistenschmerzen: Die 4 häufigsten Ursachen im Überblick

Disclaimer: Hier findest du einen Fachartikel mit Quellen und ausführlichen Informationen. Für eine kürzere Variante dieses Artikel klicke folgenden Link: https://www.lukas-mayer.com/leistenschmerzen-ursachen/

 

Die sogenannte Sportlerleiste ist ein diagnostisches Dilemma mit zahlreichen Ausprägungen, Symptomen und Pathologien. Über die Jahre hinweg hat sich das Verständnis des Krankheitsbildes geändert. Von der Sporthernie über die Pubalgia Athletica bis hin zur "Core Muscle Injury" sind die Bezeichnungen vielfältig und ungenau. So fand eine systematische Übersichtsarbeit 33 verschiedene Begriffe für das Thema Leistenschmerzen (Weir et al, 2015). Das DOHA-Agreement einigte sich auf eine Unterteilung dieses breiten Krankheitsbildes in vier Teilbereiche (Weir et al, 2015):

  • Adduktor-assoziierter Leistenschmerz
  • Iliopsoas-assoziierter Leistenschmerz
  • Inguinal-assoziierter Leistenschmerz
  • Schambein-assoziierter Leistenschmerz

Im Folgenden gehe ich auf die Teilbereiche näher ein und erkläre dir, was in den Klassifikationsbereichen zu Schmerzen führen kann.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29510653/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29510653/

Adduktor-assoziierter Leistenschmerz

Diese Subart ist sehr häufig bei Athlet*innen und macht ca 2/3 aller Fälle von Leistenschmerzen aus. Vor allem betroffen sind Sportarten mit Athlet*innen die Tritte und schnelle Richtungswechsel ausführen müssen, z.B. im Fußball, sowie Skatebewegungen (Ausholbewegungen des Schwungbeines). Am häufigsten bei akuten Verletzungen reibetroffen ist der M. adductor longus (87%), seltener die Mm. adductor brevis und pectineus, obturator externus, gracilis und adductor magnus.

Vor allem bei bremsenden (exzentrischen) oder spannungsintensiven (isometrischen/beinahe isometrischen) Bewegungen sowie Sprung- und Landeaktivitäten kann es zu höheren Verletzungsraten kommen (Chang et al., 2009; Chimera et al., 2004).

 

Akute Adduktorenverletzungen sind häufig mit unterschiedlich schweren Rupturen verbunden, vor allem am Knochen-Sehnen-Übergang (Thorborg et al., 2018)

 

Chronische Adduktorenverletzungen entstehen häufig durch Überlastungen, wobei die hier zugrundeliegenden Pathomechanismen noch nicht geklärt sind aber Krankheitsbilder wie Tendinopathien, Entesopathien und Knochenmarksödeme diskutiert werden (Branci et al., 2015; Schilders et al., 2007). Zugrunde liegt hier eine intratendinöse Degeneration, i.d.R. assoziiert mit höherem Alter, wiederholten Mikrotraumata und Hypervaskularisierung infolge fehlerhaft abgelaufener Heilungsmechanismen (K. M. Khan et al., 1999; Millar et al., 2021).

Iliopsoas-assoziierter Leistenschmerz

https://www.physio-pedia.com/Iliopsoas#/media/File:Iliopsoas.png
https://www.physio-pedia.com/Iliopsoas#/media/File:Iliopsoas.png

Iliopsoas- bzw Hüftbeuger-assoziierter Leistenschmerz macht ca. 21% aller Fälle von Leistenschmerzen aus. Beschriebene Pathologien sind Bursitiden der Bursa Iliopectinea (Schleimbeutelentzündungen), Tendinopathien, Tendinitiden, interne Schnapphüfte, Zysten, Impingements und das Psoas-Syndrom (Heaton & Door, 2002; Hölmich, 2007; Hölmich et al., 2014; Rankin et al., 2015; Dydyk& Sapra, 2024).

 

Akute Verletzungen sind selten, werden jedoch mit Tritt-, Sprints und Richtungswechseln verbunden und entstehen häufig aufgrund exzentrischer Belastungen des Hüftbeuger-Muskels oder durch schnelle Beugung des Muskels gegen eine in Streckung gerichtete Kraft (Bencardino & Palmer, 2002).

 

Chronische Verletzungen entstehen häufig durch Überlastungschäden, die mit vielen Wiederholungen in Hüftbeugung, Außenrotation oder Rumpfbeugung verbunden sind.

Inguinal-assoziierter Leistenschmerz

https://doi.org/10.1136/bmjsem-2022-001387
https://doi.org/10.1136/bmjsem-2022-001387

Der inguinal-assoziierte Leistenschmerz wird infolge mehrerer Ursachen beschrieben. Eine Einteilung lässt sich über neuropathischen, Nerveneinklemmungen bei der angrenzenden Aponeurose oder Kompression durch eine Vorwölbung der hinteren Wand des Leistenkanals, wobei hier zwischen sogenannten „falschen“ und „echten Vorwölbungen unterschieden werden muss, oder nocizeptiven Schmerz, infolge von muskuloskelettalen Ursachen wie Rissen in der Aponeurose und Entesopathien des Lig. Inguinalis, unterscheiden (Vuckovic et al., 2022). „Falsche“ Hernien treten häufig infolge muskulärer Belastungen auf (Thomeé et al., 2014). Während der Muskelkontraktion der Bauchwand senkt sich die Falx Inguinalis und schließt den tiefen inguinalen Ring, wodurch der Durchmesser des Leistenkanals verengt wird. Dadurch wird der Leistenkanal schräger und länger und der tiefe Ring des Leistenkanals wandert nach kranial und lateral, wodurch der Leistenkanal funktionell verschlossen wird (Revzin et al., 2016). Somit funktioniert die Falx inguinalis als Verschlussmechanismus des Leistenkanals und beugt damit der Entwicklung von realen Leistenhernien vor (Kingsnorth et al., 2000; Peiper et al., 2004). Die Schmerzsymptomatik in diesem Fall entsteht häufig über Risse oder entzündliche Prozesse im Bereich der distalen Bauchmuskulatur (Drager et al., 2020).

 

„Echte“ Hernien repräsentieren einen Durchbruch oder eine Vorwölbung der intrabdominalen Wand, was intraabdominalen oder extraperitonealen Organen einen Zutritt zum Leistenkanal erlauben kann. Zwei Drittel aller Hernien sind Vorwölbungen, auch indirekte Hernien genannt, und sind in beiden biologischen Geschlechtern die häufigste Art der echten Hernie. Männer machen mit 90% aller inguinalen Hernien einen Großteil der Betroffenen aus, wobei bei Frauen, mit einem Vorkommen von 70%, die femoralen Hernien deutlich überwiegen, die insgesamt nur 3% aller Hernien ausmachen (Hammoud & Gerken, 2024). Indirekte Hernien kommen öfters auf der rechten Seite vor, was am Processus vaginales peritonei, einer trichterförmigen Ausstülpung des Peritoneums (Bauchfells), in das Skrotum (Hodensack) liegt, welcher durch den Abstieg des Hodens aus dem Peritoneum entsteht (Brainwood et al., 2020).

Schambein-assoziierter Leistenschmerzen

Schambein-assoziierte Leistenschmerzen ist oft eine komplexe, multifaktorielle Symptomatik mit unterschiedlichen Schmerzgeneratoren (Gaudino et al., 2017; Schöberl et al., 2017; Via et al., 2019). Eine alternative Beschreibung dieser Symptomatik ist die „Osteoitis Pubis“, eine nichtinfektiöse, entzündliche Überlastungserscheinung der Symphyse, des Ramus ossis pubi und der umliegenden Gewebsstrukturen die mit subchondralen Ödemen einhergeht (Gaudino et al., 2017; S. Hopp et al., 2015; Verrall et al., 2001; Zoga et al., 2010).

 

Das klinische Erscheinungsbild dieser Symptomatik ist eine Druckdolenz der Symphyse und des Os pubis sowie ein aktivitätsbezogener Schmerz dieser beiden Strukturen (Schöberl et al., 2017). Vor allem junge Fußballspieler sind während intensiver Wachstumsphasen betroffen (Nilsson et al., 2016). Die beschrieben Ursachen hierfür sind eine Abnahme in Beweglichkeit und Knochendichte, die in einer größeren Verletzlichkeit der knöchernen Strukturen fußt, sowie Steigerungen in den Faktoren Trainingsvolumen und -intensität (Schöberl et al., 2017; Swain et al., 2018).

 

 


Literaturverzeichnis:

 

Branci, S., Thorborg, K., Bech, B. H., Boesen, M., Nielsen, M. B., & Hölmich, P. (2015). MRI findings in soccer players with long-standing adductor-related groin pain and asymptomatic controls. British Journal of Sports Medicine, 49(10), 681–691. https://doi.org/10.1136/bjsports-2014-093710

 

Bencardino, J. T., & Palmer, W. E. (2002). Imaging of hip disorders in athletes. Radiologic Clinics of North America, 40(2), 267–287, vi–vii. https://doi.org/10.1016/s0033-8389(02)00006-4

 

Chang, R., Turcotte, R., & Pearsall, D. (2009). Hip adductor muscle function in forward skating. Sports Biomechanics, 8(3), 212–222. https://doi.org/10.1080/14763140903229534

 

Chimera, N. J., Swanik, K. A., Swanik, C. B., & Straub, S. J. (2004). Effects of Plyometric Training on Muscle-Activation Strategies and Performance in Female Athletes. Journal of Athletic Training, 39(1), 24–31.

 

Dydyk, A. M., & Sapra, A. (2024). Psoas Syndrome. In StatPearls. StatPearls Publishing. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK551701/

 

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Hölmich, P., Thorborg, K., Dehlendorff, C., Krogsgaard, K., & Gluud, C. (2014). Incidence and clinical presentation of groin injuries in sub-elite male soccer. British Journal of Sports Medicine, 48(16), 1245–1250. https://doi.org/10.1136/bjsports-2013-09262

 

Khan, M., Madden, K., Burrus, M. T., Rogowski, J. P., Stotts, J., Samani, M. J., Sikka, R., & Bedi, A. (2018). Epidemiology and Impact on Performance of Lower Extremity Stress Injuries in Professional Basketball Players. Sports Health, 10(2), 169–174. https://doi.org/10.1177/1941738117738988

 

Millar, N. L., Silbernagel, K. G., Thorborg, K., Kirwan, P. D., Galatz, L. M., Abrams, G. D., Murrell, G. A. C., McInnes, I. B., & Rodeo, S. A. (2021). Tendinopathy. Nature Reviews. Disease Primers, 7(1), 1. https://doi.org/10.1038/s41572-020-00234-1

 

Rankin, A. T., Bleakley, C. M., & Cullen, M. (2015). Hip Joint Pathology as a Leading Cause of Groin Pain in the Sporting Population: A 6-Year Review of 894 Cases. The American Journal of Sports Medicine, 43(7), 1698–1703. https://doi.org/10.1177/0363546515582031

 

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Serner, A., van Eijck, C. H., Beumer, B. R., Hölmich, P., Weir, A., & de Vos, R. J. (2015). Study quality on groin injury management remains low: a systematic review on treatment of groin pain in athletes. British journal of sports medicine, 49(12), 813. https://doi.org/10.1136/bjsports-2014-094256
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Thorborg, K., Reiman, M. P., Weir, A., Kemp, J. L., Serner, A., Mosler, A. B., & HÖlmich, P. (2018). Clinical Examination, Diagnostic Imaging, and Testing of Athletes With Groin Pain: An Evidence-Based Approach to Effective Management. The Journal of Orthopaedic and Sports Physical Therapy, 48(4), 239–249. https://doi.org/10.2519/jospt.2018.7850

 

Vuckovic, Z., Serner, A., Heijboer, W. M. P., & Weir, A. (2022). Inguinal-related groin pain in athletes: A pathological potpourri. BMJ Open Sport & Exercise Medicine, 8(3). https://doi.org/10.1136/bmjsem-2022-001387

 

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Swain, M., Kamper, S. J., Maher, C. G., Broderick, C., McKay, D., & Henschke, N. (2018). Relationship between growth, maturation and musculoskeletal conditions in adolescents: A systematic review. British Journal of Sports Medicine, 52(19), 1246–1252. https://doi.org/10.1136/bjsports-2017-098418